Was zeichnet das Landleben am meisten aus? Man ahnt es schon, es ist das Land. Die Ortschaften sind umgeben von Feldern und Wiesen, Wäldern und Weihern. Da erstaunt es nicht, dass es immer mehr „Städter“ hinaus aufs Land zieht. Fernab vom Großstadtdschungel voller Lärm, Feinstaub und Anonymität wünschen sich viele ein ruhiges Leben im ländlichen Paradies. Was den meisten allerdings nicht bewusst ist: Das erhoffte Postkartenidyll hat mit dem echten Landleben kaum etwas gemein. Im Sinne von Julia Nissen „Es braucht ein Dorf“ (siehe Kolumnen-Artikel Juli 2021) möchten wir zu einem guten Miteinander beitragen und haben hierfür einen Landleben-Knigge zusammengestellt.
Beginnen wir gleich mit den Feldern, Wiesen, Weihern und Wäldern. Diese Flächen gehören nicht der Allgemeinheit, sondern haben in der Regel einen Besitzer der diese auch bewirtschaftet. So schön es auch sein mag, in der Wiese mit dem Hund zu tollen oder im Maisfeld verstecken zu spielen. So unschön sind die Konsequenzen für den Besitzer. Auf Heuwiesen beispielsweise dürfen Gräser und Kräuter bis zum 1. Schnitt ungestört bienenfreundlich wachsen und blühen. Dabei erreichen sie eine Höhe von bis zu 80 cm. Werden diese Wiesen betreten oder befahren, wachsen die Pflanzen nicht mehr richtig und der Ernteertrag fällt geringer aus. Gleiches gilt für Äcker, insbesondere bei frisch angesäten oder frisch austreibenden Ackerfrüchten.
Einzige Ausnahme sind die vor allem bei Reitern beliebten Stoppelfelder. Diese kann man direkt nach der Ernte aber noch vor der nächsten Bodenbearbeitung betreten. Den Landwirt sollte man vorher allerdings um Erlaubnis fragen.
Gleiches gilt für Streuobstwiesen und Obstbaumparzellen. Die Regeln hierzu sind recht einfach: Hängt das Obst am Baum, gehört es dem Baumbesitzer. Liegt es auf dem Boden, gehört es dem Grundbesitzer. Wurde der Baum mit einer gelben Schleife markiert, darf jeder ernten. Diese Bäume gehören zur Aktion „Gelbes Band“ vom BMEL (Bundesministerium für Ernährung & Landwirtschaft) und gehört zur Kampagne „Zu gut für die Tonne - gegen Lebensmittelverschwendung“. Weitere Informationen, Standorte und Rezepte findet man auf www.zugutfürdietonne.de. Beim Ernten sollte darauf geachtet werden, keine Schäden am Baum zu hinterlassen und nur so viel an reifem Obst mitzunehmen wie man selbst verbrauchen kann.
Sind die Früchte „zu gut für die Tonne“ und „zu reif zum selber essen“ können sie ja verfüttert werden, oder? Sollen der schon etwas matschige Apfel und die schrumpelige Karotte den Tieren auf der Weide nebenan „zu Gute“ kommen, lautet die Antwort ganz klar Nein. Egal wie lieb das Schaf, die Kuh oder das Pony auch schauen mag, füttern kann lebensgefährlich werden. Nicht jedes Obst oder Gemüse ist für jede Tierart gesund. Ebenso entfällt oft der natürliche „Aussortierungstrieb“ von Futter, wenn es der Mensch direkt anbietet. Verschluckte Kerne von Steinfrüchten werden im Körper beispielsweise zu hochgiftigem Zyankali (Blausäure) umgewandelt. Das Tier wird dann während der Verdauung von innen heraus vergiftet. Ebenso können allergische Schocks oder Koliken auftreten, die im günstigsten Fall vom Tierarzt zu relativ hohen Kosten behandelt werden und im schlimmsten Fall zum Verenden des Tieres führen können. Selbiges gilt für Rasen- und Heckenschnitt.
Noch etwas, dass Weidetiere nicht gut vertragen ist Hundekot. Dieser kann Salmonellen oder Parasiten übertragen. Gelangt er beim Mähen ins Futter, verdirbt es leichter und kann nicht mehr oder nur zum Teil verfüttert werden. War der Hundekot in einem Kotbeutel, gelangt zudem auch noch Plastik ins Futter. Als Folge vom Qualitätsverlust können Verdauungsstörungen, fütterungsbedingte Totgeburten und Euterentzündungen vorkommen. Daher sollten Kotbeutel, die man erst am Rückweg vom Spaziergang entsorgen möchte, besser gut sichtbar am Wegesrand „geparkt“ werden. So wird auch vermieden, dass Fahrzeuge die Beutel überfahren.
Denn obwohl der Feldweg von Spaziergängern und Radfahrern sehr gerne in der Freizeit genutzt wird, ist er in erster Linie ein Wirtschaftsweg. Das heißt nicht, dass man auf seinen sonntäglichen Spaziergang oder die Gassirunde verzichten muss. Aber man sollte, insbesondere in der Erntezeit, mit erhöhtem landwirtschaftlichen Verkehr rechnen. Dieser umfasst neben Zugmaschinen mit oder ohne Anhänger und selbstfahrenden Arbeitsmaschinen auch PKWs und in seltenen Fällen auch LKWs. Da kann es im Feld schnell mal eng werden. Hier ist gegenseitige Rücksicht und Verständigung gefragt.
Man merkt es schon unser Dorfleben ist geprägt von Begegnungen und dem Miteinander in der Dorfgemeinschaft. Wir treffen uns im Feld, in den Vereinen, in der Schule bzw. Kindergarten, beim Einkaufen, in der Kirche, auf Dorffesten oder beim nachbarschaftlichen Plausch am Gartenzaun.
Hier kennt vielleicht nicht jeder jeden, aber jeder kennt jemanden der jemanden kennt.
In diesem Sinne sollten wir alle mehr das Gespräch mit unseren Mitmenschen suchen. Die runde Geburtstagsfeier nebenan ist noch im vollen Gange und ein Einschlafen nicht möglich? Einfach rüber gehen und vielleicht wird man sogar auf eine „Geburtstagshalbe“ eingeladen. Das Pferd ist beim letzten Ausritt durchgegangen und man selbst im Getreidefeld gelandet? Der Landwirt lässt sicher mit sich reden. Die Kinder möchten im Herbst Kastanien-Figuren basteln aber man selbst hat keinen Baum im Garten? Im Dorf finden sich sicher einige Baumbesitzer, bei denen man die Nüsse sammeln darf.
Quellen:
BMEL – Bundesministerium für Ernährung & Landwirtschaft
www.br.de/nachrichten/wissen/wie-gefaehrlich-ist-hundekot-fuer-kuehe,Qv3luaL
BR24
Fotos: Bettina Helbing